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Klassifikation von Wedeltechniken

Bei der Durchführung von Saunaaufgüssen werden durch die Saunameister in den unterschiedlichen Bädern inzwischen mehr als 100 verschiedene Wedeltechniken inkl. zahlloser Variationen und Spielarten sowie unterschiedlicher Arbeitsmitteln (Handtuch, Fahne, Fächer etc.) angewendet. Da diese Wedeltechniken individuell durch die Anwender entwickelt, erweitert, kreiert, verändert und kombiniert werden, existiert derzeit tatsächlich keinerlei Systematik oder Klassifikation, geschweige denn eine nachvollziehbare Bewegungsausführung, Wirkungsgradabschätzung oder sonstige Klassifikation. Insbesondere im Qualitätsmanagement und im Schulungsbereich ergeben sich daraus die Probleme, dass z.B. unterschiedliche Mitarbeiter in einem Betrieb eigentlich gleich auszuführende (standardisierte) Aufgüsse, Abläufe und Wedeltechniken zu völlig unterschiedlichen Zwecken anwenden und mit unterschiedlichen – mehr oder weniger vergleichbaren – Bewegungsabläufen und Ergebnissen ausführen. Um im Rahmen der Professionalisierungsbemühungen der Branche und dem wachsenden Qualitätsanspruch an die Mitarbeiter - und damit der Qualität der Dienstleistung „Sauna-Aufguss“ – Rechnung zu tragen, wurde durch die Deutsche Sauna-Akademie in Zusammenarbeit mit Aufguss-König und der Deutschen Aufguss-Schule ein Klassifikationsschema mit elf unterschiedlichen Kriterien für die standardisierte Charakterisierung (und Durchführung) von unterschiedlichen Wedeltechniken entwickelt. Die entwickelte Klassifikation einzelner Wedeltechniken berücksichtigt folgende Kriterien, die nachfolgend erläutert und in einem sog. Wedeltechnik-Datenblatt übersichtlich zusammengefasst werden:

 

Ø Bezeichnung inkl. Piktogramm

Ø Zweck

Ø Arbeitsmittel

Ø Schwierigkeitsgrad

Ø Wirkungsgrad

Ø Belastungsgrad

Ø Showeffekt

Ø Platzbedarf

Ø Strömungsgeschwindigkeit

Ø Strömungsrichtung

Ø Reichweite 


  

Bezeichnung inkl. Piktogramm

 

Um unterschiedliche Wedeltechniken unterscheiden, lehren und lernen zu können, ist es zunächst zwingend nötig, die einzelnen Wedeltechniken mit nachvollziehbaren, treffenden und leicht zu merkenden Namen zu bezeichnen. Im Rahmen der Standardisierung von Saunaaufgüssen erscheint es zudem sinnvoll, jeder Wedeltechnik ein prägnantes Piktogramm zuzuordnen, um Technikabfolgen und Übergänge nicht immer mit langen Bezeichnungen beschreiben zu müssen. Um zutreffende Bezeichnungen auswählen zu können, wurde der Bewegungsablauf der einzelnen Wedeltechniken beobachtet und assoziiert mit vergleichbaren Bewegungen oder Erscheinungsbildern. Die subjektiv gewählten Assoziationen werden als „Eselsbrücke“ bei der Beschreibung der Wedeltechniken vorgestellt.

  

Zweck

Grundsätzlich lassen sich bei dem Einsatz von Wedeltechniken im Rahmen von Saunaaufgüssen drei unterschiedliche Zwecke unterscheiden:

  1.    Verwirbelung der Luft – „Luftverwirbeln“

Diese Techniken werden primär dazu eingesetzt, den nach der Ausbringung des Aufgusswassers auf den Ofen entstehenden Wasserdampf möglichst gleichmäßig und schnell in der Saunakabine zu verteilen.

2.    Dislokation der Haftschicht der Badegäste – „Abschlagen“

Die Wedeltechniken des sog. „Abschlagens“ werden dazu benutzt, den Saunagästen die ca. 4-8 mm dicke, auf der Haut stehende Haftschicht „wegzureißen“. Gekennzeichnet sind diese Wedeltechniken durch eine Strömungsgeschwindigkeit von über 0,5 m/s, damit die Haftschicht effektiv entfernt werden kann.  

3.    Unterhaltung der Saunagäste durch Showelemente – „Show“

Bei den Show-Wedeltechniken steht das Element der Kundenunterhaltung im Vordergrund und dominiert deutlich die Effekte „Abschlagen“ und/oder Luftverwirbeln“. Viele Showelemente zeigen tatsächlich lediglich einen sehr geringen Wirkungsgrad.

      

Arbeitsmittel

 Mit dem Begriff „Arbeitsmittel“ wird das Hilfsmittel bezeichnet, mit dem die Technik durchgeführt bzw. vorgestellt wird. Im Regelfall ist dies ein kleines oder großes Handtuch, welches einfach oder doppelt gefaltet, gerollt oder speziell vorbereitet wird. Natürlich ist es möglich, viele Wedeltechniken mit anderen Arbeitsmitteln wie Fächern, Wedeln, Fahnen, Wedelringen etc. durchzuführen. In diesen Fällen wird bei der Bewegungsbeschreibung unter „Besonderheiten“ auf den möglichen Einsatz alternativer Arbeitsmittel hingewiesen.

 

 

Schwierigkeitsgrad

 Mit der Eigenschaft „Schwierigkeitsgrad“ wird jeder Technik unter Berücksichtigung von koordinativen Ansprüchen und der „Erlernfähigkeit“ durch den Nutzer auf einer 5-Punkte-Skala ein subjektiver Schwierigkeitsgrad zugeordnet. Einer von Fünf Punkten charakterisiert einen einfachen Schwierigkeitsgrad, Fünf von Fünf Punkten bilden einen hohen Schwierigkeitsgrad. Die Einschätzung beruht dabei auf den nachfolgenden Punkten.

Ø Schwierigkeit der Bewegungskoordination

Ø Schnelligkeit, mit der Kursteilnehmer diese Technik erlernt haben

Ø Benötigte Zeitdauer, bis die Bewegungsmuster dauerhaft gespeichert sind

Ø Einschätzungen der Saunameister

   

Wirkungsgrad

 Unter dem Terminus „Wirkungsgrad“ wird auf einer 5-Punkte-Skala angegeben, wie effektiv eine Wedeltechnik subjektiv unter Berücksichtigung von Kraftaufwand, Belastung für den Ausführenden und Ergebnis am Gast ist. Der Wirkungsgrad wird z.B. beeinträchtigt durch die verwendeten Arbeitsmittel, den eingesetzten Kraftaufwand, die Bewegungsgeschwindigkeit und die Präzision bzw. Zielgenauigkeit der Bewegungsausführung. Einer von Fünf Punkten charakterisiert einen schwachen Wirkungsgrad, Fünf von Fünf Punkten bilden einen hohen Wirkungsgrad. 

  

Belastungsgrad

 Bedingt durch die Tatsache, dass viele Saunameister zahlreich Aufgüsse mit unterschiedlichen Wedeltechniken und unterschiedlich schweren Arbeitsmitteln und Krafteinsatz mehrfach pro Schicht ausführen, stellte sich die Frage nach einer möglichen physiologischen Belastung der Mitarbeiter. Insbesondere bei monoton ausgeführten, einseitigen, eingeschliffenen und ggf. falsch erlernten Bewegungsmustern ist mit einer chronischen Fehlbelastung zu rechnen. Entsprechend wurde für die einzelnen Bewegungsausführungen ein subjektiver Belastungsgrad eingeführt, der auf einer 5-Punkte-Skala angibt, wie potenziell belastend eine wiederkehrende Bewegungsausführung ist. Einer von Fünf Punkten charakterisiert einen schwachen Belastungsgrad, Fünf von Fünf Punkten bilden einen hohen Belastungsgrad. 

 

 

Showeffekt

Viele Wedeltechniken sehen optisch ausgesprochen ansprechend aus, verfügen jedoch über einen geringen bis gar keinen Wirkungsgrad. Um derartige, künstlerisch ansprechende Wedeltechniken nicht zu diskriminieren, und um dem Unterhaltungsanspruch der Saunagäste nachzukommen, wurde der Aspekt des sog. Showeffektes eingeführt. Der Showeffekt gibt subjektiv auf einer 5-Punkte-Skala an, wie unterhaltend, anspruchsvoll und attraktiv die Saunagäste die jeweilige Wedeltechnik bewerten. Einer von Fünf Punkten charakterisiert einen schwachen Showeffekt, Fünf von Fünf Punkten bilden einen hohen Showeffekt. 

  

Platzbedarf

 Die Geometrie und Architektur von Saunakabinen und damit die Gestaltung des „Arbeitsplatzes“ des Saunameisters in Bezug auf die zur Verfügung stehende Fläche ist extrem unterschiedlich. Neben riesigen Showsaunen werden Aufgüsse auch in relativ kleinen Saunakabinen mit großem Erfolg durchgeführt. Auch findet man immer wieder Aufbauten über Saunaöfen, sehr hohe Saunaöfen, unzureichende Bodenbeläge oder Säulen und Stützpfeiler in Saunakabinen, die den Einsatz der einzelnen Wedeltechniken beeinflussen oder sogar unmöglich machen. Zusätzlich ist die Anzahl der Gäste und deren Sitz- oder Liegeposition zu berücksichtigen, da es gerade bei schnell ausgeführten Bewegungen mit schweren Handtüchern vermieden werden muss, einen Gast mit dem rotierenden Handtuch oder Hartholzfächer von der Bank zu wedeln. Das Merkmal „Platzbedarf“ gibt an, wie groß ungefähr die benötigte Fläche im Luftraum für die einzelne Wedeltechniken in m² mit den angegebenen Arbeitsmitteln unter korrekter Bewegungsausführung ist. Grundsätzlich können Wedeltechniken auch über den Köpfen der Gäste ausgeführt werden, solange diese nicht verletzt werden. 

  

Strömungsgeschwindigkeit

In einer normal betriebenen, finnischen Saunakabine beträgt die Strömungsgeschwindigkeit der Luft bei ca. 5-10fachem Luftwechsel pro Stunde (Zwangsbelüftung) ca. 0,1 m/s. Diese Strömungsgeschwindigkeit ist für den normalen Menschen nicht feststellbar, auch wenn in unbekleidetem Zustand die rudimentär vorhandene Körperbehaarung als Signalverstärkung fungiert. Sicher lassen sich Luftströmungen erst ab einer Strömungsgeschwindigkeit von ca. 0,5 m/s mit der Haut detektieren. Neben dieser Wahrnehmbarkeitsgrenze gilt für den textilfrei in der Sauna badenden Gast jedoch auch eine maximale Strömungsgeschwindigkeit, die als unangenehm wahrgenommen wird. Auch wenn diese Grenze nur schwer zu bestimmen ist, unterstellen wir hier auf der Basis eigener Messungen eine Strömungsgeschwindigkeit von ca. 2,5 bis 3 m/s im Gesicht als „unangenehm“. Für die Charakterisierung von Wedeltechniken ergibt sich aus diesen beiden Leitplanken, dass eine Wedeltechnik nicht auf der Basis einer maximalen Strömungsgeschwindigkeit bewertet werden muss, sondern auf der Grundlage einer gewünschten und damit vorgegebenen Strömungsgeschwindigkeit. Mit anderen Worten ist eine Technik nicht dann als besonders gut oder schlecht zu bewerten, wenn sie hohe Strömungsgeschwindigkeiten erreicht und kraftvoll ausgeführt wird, sondern dann, wenn durch dosierten Krafteinsatz und geübter Bewegungsgeschwindigkeit eine immer gleiche Strömungsgeschwindigkeit erreicht wird. In eigenen Versuchen konnte durch den Saunaweltmeister und Coautor Visar Bytyqi bei einer ausgewählten Wedeltechnik in 5 aufeinander folgenden Bewegungsausführungen eine Strömungsgeschwindigkeit von 0,8 bis 0,82 m/s erzielt werden. Die geringe Spannweite der Messwerte verdeutlicht die hohe Präzision, mit der die Bewegungen immer exakt gleich durchgeführt wurden.

Um neben den bereits vorgestellten, subjektiven Kriterien auch objektiv messbare Größen in die Charakterisierung der Techniken einfließen zu lassen, wurde deshalb für jede Technik die gewünschte Strömungsgeschwindigkeit mit handelsüblichen Anemometern gemessen und festgelegt. Die in den Datenblättern angegebene Spannweite der Strömungsgeschwindigkeit der verwirbelten Luft ist immer dann in einem Abstand von ca. 1 m messbar, wenn die Bewegungsausführung der jeweiligen Wedeltechnik perfekt ausgeführt wird. Schnellere, langsamere, schwächere, kräftigere oder verfälscht ausgeführte Bewegungsabläufe lassen sich so objektiv bestimmen.

 

 

Strömungsrichtung inkl. Piktogramm

 Bei den einleitenden Messungen der Strömungsgeschwindigkeiten konnte erwartungsgemäß auch festgestellt werden, dass die Hauptströmungsrichtung der verwirbelten Luft nicht immer in Blickrichtung des ausführenden Saunameisters liegt, sondern maßgeblich vom Anstellwinkel der Handtuchfläche zur Rotationsache bestimmt wird. Immer dann, wenn das Handtuch im rechten Winkel zur Bewegungsrichtung geführt wird, resultiert auch die größte Strömungsgeschwindigkeit. Da diese Bewegungsrichtung nicht immer mit der Blickachse des Saunameisters identisch ist, wurde als weiteres objektiv messbares Kriterium für die Qualität der Durchführung von Wedeltechniken die Hauptströmungsrichtung der jeweiligen Wedeltechnik bestimmt und in die Datenblätter in Form einer Gradzahl und eines Piktogramms aufgenommen. 0° entspricht dabei der Blickrichtung. Der dicke Pfeil in den Piktogrammen in Kombination mit der Gradzahl gibt die Strömungsrichtung an.

             

 Reichweite

 Insbesondere in großen und sehr großen Saunakabinen ist es oftmals schwierig, Saunagäste auf den oberen, relativ weit entfernten Sitzbänken zum „abschlagen“ zu erreichen, ohne zwischen den Saunagästen auf den Sitzbänken herumzuklettern. Um die Wirksamkeit von unterschiedlichen Wedeltechniken in Abhängigkeit von der Entfernung zwischen Saunagast und Saunameister bewerten zu können, wurde das Merkmal der „Reichweite“ eingeführt. Ziel dieser Kenngröße ist es an Hand einer Kennzahl – der Reichweite - mit einfachen Mitteln eine Wedeltechnik für unterschiedlich weit entfernte Saunagäste in unterschiedlich großen Saunakabinen auswählen zu können. 

Um auch hier eine einfache Messgröße für die Überprüfung der Bewegungsausführung und Reichweite der Wedeltechniken zu bekommen, wurde in Vorversuchen nach einer Abhängigkeit von der Strömungsgeschwindigkeit zur Reichweite gesucht. Unter standardisierten Bedingungen konnte in guter Näherung die „Faustregel“ aufgestellt werden, dass die Strömungsgeschwindigkeit der verwirbelten Luft ungefähr gleichzusetzen ist mit der Reichweite der Wedeltechnik. Mit anderen Worten ist es möglich, mit einer Strömungsgeschwindigkeit von ca. 3 m/s auch eine Reichweite von ca. 3 m zu erzielen. Mit dieser Vereinfachung ist es insbesondere im Schulungsbereich möglich, die Reichweite der erlernten Techniken zu prüfen ohne in einer Saunakabine Entfernungen messen zu müssen.